Sport als Triebfeder für gutes Diabetes-Management
Die beiden Menschen, die hier vorgestellt werden, sind zweifellos Ausnahmesportler. Sie trainieren nicht, um Gewicht zu verlieren oder weil man ihnen aufgrund des Diabetes dazu geraten hat. Sport ist Teil ihres Lebens. Und hat einen wunderbaren Nebeneffekt: Er hilft enorm beim Diabetes-Management.
Die Motivation, sportlich erfolgreich zu sein, hat beim Diabetes geholfen.
Yannick Nagel war 14, als die Diagnose Typ-1-Diabetes gestellt wurde. Abgesehen davon, dass man eine Diabetesdiagnose zu keinem Zeitpunkt als passend bezeichnen würde, ist sie mitten in der Pubertät vielleicht besonders ungünstig. „Wäre ich der ganz normale Jugendliche gewesen, hätte ich vermutlich mehr Schwierigkeiten damit gehabt,“ sagt der heute 19-Jährige.
Anfang 2020 lag gerade ein halbes Jahr Kanada hinter ihm, „ich war dort richtig in den Leistungssport reingerutscht, mein Fokus auf den Profisport ausgerichtet. Dann kam die Diagnose. Die Motivation, das mit dem Diabetes gesund hinzubekommen, war hoch.“

Yannick Nagel ist Sportkletterer und im Nationalteam des Deutschen Alpenvereins. Er war unter anderem Erster bei der Deutschen Meisterschaft der Herren 2022 im Lead-Klettern und Jugendeuropameister in der U20-Kategorie im Bouldern 2023. Im September 2025 nahm der 19-Jährige an der Weltmeisterschaft in Seoul teil und belegte den 21. Platz.
Yannick Nagel hat bereits die Deutsche Meisterschaft im Lead-Klettern und die Jugendeuropameisterschaft im Bouldern gewonnen.
Bouldern und Lead-Klettern
Beim Bouldern klettert man ohne Seil in Absprunghöhe (3-4 Meter) entweder an künstlichen Kletterwänden in Hallen oder an Felsen draußen. Bouldern kombiniert Kraft, Technik, Balance und Taktik.
Beim Lead-Klettern hakt man sich selbst in Zwischensicherungen ein. Lead-Klettern ist sowohl in der Halle als auch am Felsen möglich. Ziel ist, in 6 Minuten so weit wie möglich zu klettern. Kraft, Ausdauer und Technik sind nötig.
Kein Tag ohne Bewegung
An sechs von sieben Tagen steht intensives Training auf dem Programm: Maximalkraft, Ausdauer, Krafttraining im Wechsel. Fünfmal in der Woche ist Yannick an der Kletterwand. Sonntags, an seinem „Ruhetag“, steigt er aufs Rad. „Ein Tag ohne Bewegung fühlt sich einfach nicht richtig an.“
Herausforderung Diabetes
„Das Wichtigste ist, zu verstehen: Welche Art der Anstrengung bringt meine Sportart mit sich und wie muss ich diesbezüglich mit der Ernährung umgehen?“, so Yannick. „Ich habe mich selbst herangetastet, um herauszufinden, wie es am besten läuft und gehe inzwischen, je nach Trainingsart, unterschiedlich heran.“
Nach wie vor müsse er regelmäßig nachjustieren, hier und da wieder etwas verbessern. Yannick weiß, dass sein optimaler Glukosewert vor dem Sport bei 160 mg/dL liegt. „Beim Maximalkrafttraining brauche ich wenig Kohlenhydrate, das Adrenalin ist so hoch, dass der Blutzucker kaum sinkt.“
Anders beim Ausdauertraining: „Da muss ich regelmäßig kontrollieren und ein bisschen mehr gegensteuern, gegebenenfalls auch etwas essen. Beim Bouldern selbst reicht es oft, wenn ich danach etwas esse, damit das Nachbrennen der Muskulatur mich nicht in den Unterzucker bringt. Vorher gibt’s Saftschorle und höchstens einen Snack, so kann ich mich komplett auf das Klettern konzentrieren. Für jede Trainingsart gilt: Nach dem Training sinkt der Blutzucker. Ich spritze zur Mahlzeit nach dem Sport kaum Insulin.“
Der Nachbrenneffekt führt zu einem erhöhten Kalorienverbrauch über die Trainingszeit hinaus, wodurch der Körper zusätzliche Kalorien verbrennt.
Im Wettkampf ist es wieder anders
Rund drei Stunden vor einem Wettkampf isst Yannick nichts mehr, jedenfalls keine Mahlzeiten, für die er sich spritzen müsste, denn rund ein bis anderthalb Stunden danach würde der Blutzucker dann sinken.
„Vielmehr versuche ich, mich mit kleinen Zuckermengen genau dahin zu dosieren, wo ich gern starten möchte. Besonders gut funktioniert das mit Apfelschorle.“
Sport hilft bei einer guten Diabeteseinstellung
Aktuell, sagt Yannick, „hilft mir der Sport, weil ich dadurch viel ausgeglichenere Werte habe.“ Aber das ist längst nicht alles:
„Grundsätzlich ist völlig klar: Die Disziplin und Grundeinstellung, die man aus dem Sport mitnimmt, sind für das Diabetes- Management überaus hilfreich. Ich nehme zu mir, was mein Körper braucht. Nichts, was überflüssig ist oder schadet. Welchen Einfluss das hat, merkt man insbesondere beim Sport. Ich denke, das kann jeder Freizeitsportler bestätigen. Unabhängig vom Diabetes.“
Unverzichtbar ist für Yannick der CGMSensor. „Die Werte jederzeit auf der Apple Watch oder dem Smartphone sehen zu können, ist super. Wenn ich auf Reisen bin, schauen meine Eltern über die Follower-Funktion mit drauf.“
Viel Sport – wenig Insulin
Generell braucht Yannick sehr wenig Insulin. „In intensiven Trainingszeiten spritze ich zwei Einheiten basal am Tag, für die Mahlzeiten brauch‘ ich meist gar nichts, weil der Wert durch die körperliche Belastung direkt sinkt.“
Anders in der zweiwöchigen Winterpause: „Da muss ich mitunter das 15-fache basal spritzen, das muss man sich dann erstmal trauen.“
Ganz ohne Bewegung kommt Yannick aber auch in diesen zwei Wochen nicht aus. Er fahre dann viel Rad oder gehe moderat laufen.
Immer wieder reflektieren, anpassen, verbessern.
Corinna Kossmann ist sportlich aktiv, seitdem sie sechs ist. Sie kommt durch Mitschülerinnen zum karnevalistischen Tanzsport, tanzt nach kurzer Zeit auf Leistungsniveau, nimmt an Meisterschaften teil und holt mit ihrem Team 2013, 2016 und 2019 den deutschen Meistertitel.
Zwischendurch, im Jahr 2009, muss sie für drei Monate kürzertreten. Sie ist zwölf, als ein Typ-1-Diabetes diagnostiziert wird, und darf vorübergehend nicht bei Turnieren mittanzen.
Auch Corinna kann bestätigen, was Yannick zum Thema Sport und Diabetes-Management sagt: „Ich wollte einsatzfähig und vor allem schnell wieder bei den Wettkämpfen dabei sein, das ging nur mit stabilem Blutzucker. Im Leistungssport ist Disziplin gefragt, die hilft enorm im Umgang mit dem Diabetes.“
Dennoch läuft es mal besser und mal schlechter: „Bei den Turnieren war es oft katastrophal, weil das Adrenalin hier zusätzlich den Wert in die Höhe treibt. Da war ich oft zu hoch und bin auf der Rückfahrt regelmäßig im Unterzucker gelandet.“
Bis 2020 tanzt Corinna auf Leistungsebene und schlägt dann eine sportlich ganz andere, wenn auch ebenso herausfordernde Richtung ein. Sie startet mit Crossfit und landet kurz darauf bei HYROX (siehe Kasten Seite 27). „Das ist ziemlich intensiv und bringt mich, was den Blutzucker betrifft, eigentlich immer an die Grenzen“, sagt sie lachend.

Grund sind die vielen Ausdauertrainings, „da rauscht der Blutzucker in den Keller.“ Nach dem Training mache sich zusätzlich der sogenannte Muskelauffülleffekt bemerkbar. „Da muss ich dann auf alle Fälle etwas essen.“
(2013 gewann Corinna Kossmann mit Ihrem Team die Deutsche Meisterschaft.
Gut zu wissen
Beim Muskelauffülleffekt entziehen Leber und Muskulatur dem Blut so lange Glukose, bis ihre Glykogenspeicher wieder aufgefüllt sind. Dieser Effekt ist schon nach mäßigem Training 8–12 Stunden lang zu messen und kann unberücksichtigt eine Hypoglykämie verursachen.
Die Insulinzufuhr sollte schon vorher reduziert werden, auch zusätzliche Kohlenhydrate können erforderlich sein. Ganz ohne Insulin geht es nicht, weil der Zucker sonst nicht in die Zellen gelangt.
Seit 2016 ist sie überzeugte Anwenderin eines AID-Systems. „Das ist wirklich hilfreich: Eine Stunde vor dem Sport schalte ich den Ease-off-Modus ein und achte immer darauf, mit einem ausreichend hohen Blutzuckerwert in das Training zu starten.“
Zwar stehe bei der Art, wie sie heute Sport treibe, nicht mehr der Leistungsgedanke im Vordergrund. Sie mache das, um in Bewegung zu bleiben und weil es Spaß bringt. „Ein bisschen Ehrgeiz“, findet die 28-Jährige, „darf aber dabei sein.“
Ein Ziel, auf das sie hinarbeitet, ist etwa eine gute Zeit im Wettkampf. Hierfür seien mindestens vier Trainingseinheiten wöchentlich wichtig.
Wie integriert man so viel Sport?
Corinna Kossmann hat einen dreijährigen Sohn, arbeitet in Vollzeit und nebenbei baut die Familie gerade ein Haus. Wann bleibt da Zeit für Sport?
„Abends“, sagt Corinna. Zweimal wöchentlich geht’s in die „Crossfit-Box“, an zwei weiteren Tagen trainiert sie zu Hause. Sie habe alles da: Hanteln, Reifen, Bänder, Matte. Und Laufschuhe…
Wenn sie im Homeoffice arbeitet, nutzt sie manchmal die Mittagspause für eine Joggingrunde. „Wenn mein Sohn daheim ist, macht er mit“, sagt die junge Mutter. Er macht Sit-ups, Liegestütze und übt Handstand an der Wand.“
Immer wieder reflektieren
„Wie reagiert mein Körper auf die Workouts und was kann ich verbessern? Vor dem Training, währenddessen und danach?“
Corinna hat sich herangetastet, den Schritt voraus gewagt. „Natürlich in Absprache mit dem Diabetologen.“
Wichtig sei es auch, immer wieder zu reflektieren, am Tag nach dem Training nochmal zu schauen: „Wie hat mein Blutzucker wann reagiert – im Training und danach? Was könnte ich verändern? Das geht nur mit einem CGM. Und indem man konsequent die aufgenommenen Kohlenhydrate einträgt.“
HYROX
HYROX ist ein Indoor-Fitnesswettbewerb, bei dem Ausdauer, funktionelle Kraft und hochintensive Intervalleinheiten miteinander kombiniert werden. Nach jeweils 1 km Laufen folgt ein anspruchsvolles Workout, nach dem wieder ein Kilometer gelaufen wird. Das Ganze wird achtmal wiederholt, bis alle Trainingsstationen absolviert sind.