Diabetes und Augen
Unzählige feine Gefäße
Das Auge ist ein optisches System, dem der Glaskörper in der Mitte seine stabile Form verleiht. Das Sehen selbst ist ein komplexer Prozess: Licht trifft zunächst auf die Hornhaut (Cornea) und gelangt von dort auf die dahinter gelagerte Linse, wobei die Regenbogenhaut (Iris) über die Pupille die Stärke des Lichteinfalls regelt. An der Linse werden die einfallenden Lichtstrahlen gebrochen und auf die Netzhaut (Retina) am Augenhintergrund projiziert. Die Makula (gelber Fleck) ist ein Areal in der Netzhaut, das das Scharfsehen ermöglicht. Die Lichtreize werden dort in elektrische Reize umgewandelt und über den Sehnerv an das Gehirn weitergeleitet. Bei Menschen mit Diabetes treten Augenerkrankungen vor allem an der Netzhaut (Retina) auf. Seltener sind Veränderungen an der Makula.Was dem Auge schaden kann
Risikofaktor Nummer 1 für die Entstehung diabetesbedingter Augenerkrankungen ist eine schlechte Stoffwechseleinstellung mit dauerhaft erhöhten Blutzuckerwerten. Dadurch kommt es zu einer Schädigung der kleinen Blutgefäße (Mikroangiopathie). Weitere Risikofaktoren für diabetische Augenveränderungen sind:- ein hoher Blutdruck – besonders bei Menschen mit Typ 2-Diabetes
- die Diabetesdauer: Je länger der Diabetes besteht, desto wahrscheinlicher ist eine Augenerkrankung
- eine hormonelle Umstellung, wie sie vor allem während der Pubertät und der Schwangerschaft vorkommt
- eine gleichzeitig bestehende diabetische Nierenerkrankung (Nephropathie)
- Rauchen, denn dadurch werden Veränderungen vor allem in den kleinen Blutgefäßen beschleunigt.
Die diabetische Retinopathie

Nicht-proliferative Retinopathie
Es entstehen kleine Ausbuchtungen in den Gefäßen (Mikroaneurysmen), die platzen und Blutungen an der Netzhaut verursachen können. Die Anzahl der Mikroaneurysmen, gilt als ein Indikator für das Fortschreiten der Retinopathie. Die nicht-proliferative Form ist das früher auftretende Stadium der Retinopathie, die in eine proliferative Form übergehen kann.Proliferative Retinopathie
Der Körper versucht, die mangelnde Durchblutung bzw. den Verschluss einzelner kleiner Blutgefäße durch die Bildung neuer Gefäße auszugleichen. Diese neuen Gefäße sind fehlgebildet und können die Funktion normaler Blutgefäße nicht erfüllen. Wachsen sie zudem in den Glaskörper hinein („Einsprossung“), kommt es zu einer beträchtlichen Sehbehinderung. Auch eine Netzhautablösung bis hin zur Erblindung ist möglich.Die diabetische Makulopathie
Unabhängig von der diabetischen Retinopathie kann es durch krankhafte Veränderungen der Blutgefäße zu Flüssigkeitsansammlungen (Ödemen) und/oder zu Durchblutungsstörungen (Ischämie) an der Stelle des schärfsten Sehens (Makula) kommen. Es droht ein Verfall der zentralen Sehzellen mit der Folge einer plötzlichen Verschlechterung der Sehschärfe. Kennzeichnend ist ein „blinder Fleck“, den die Betroffenen in der Mitte des Sehfeldes wahrnehmen. An einer Makulopathie erkranken bis zu 10 % der Menschen mit Typ-1-Diabetes. Bei Menschen mit Typ-2-Diabetes kann eine Makulopathie bei 6 % der Patienten auftreten.*Mögliche Symptome von Netzhautkomplikationen können sein
- plötzliche Verschlechterung der Sehschärfe
- allgemeine Sehverschlechterung (verschwommenes Sehen)
- Schwierigkeiten beim Lesen
- Störungen der Farbwahrnehmung
- „Rußregen“ vor dem Auge
Vorsorge schützt das Augenlicht
Neben einer guten Blutzuckereinstellung und der Vermeidung von Risikofaktoren sind vor allem regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen beim Augenarzt wichtig. Die frühzeitige Erkennung von Veränderungen am Auge bietet eine gute Chance, das Fortschreiten des Krankheitsprozesses aufzuhalten, beginnende Veränderungen zurückzudrängen und damit das Sehvermögen zu schützen und zu erhalten. Und wenn der Arzt bei der Untersuchung keine Anzeichen einer Augenerkrankung entdeckt: umso besser. Dies ist für Sie die beste Motivation, den Stoffwechsel weiterhin gut im Griff zu behalten.Risiko Diabetesdauer
Die diabetische Retinopathie ist eine häufige mikrovaskuläre Komplikation bei Diabetes und eine häufige Erblindungsursache bei Erwachsenen in den westlichen Industrieländern.- Die Häufigkeit der diabetischen Retinopathie beträgt 24–27% bei Menschen mit Typ-1-Diabetes. Bei Kindern vor der Pubertät ist eine Retinopathie selten.*
- Bei Menschen mit Typ-2-Diabetes besteht bei 2–16% bereits eine Retinopathie bei Diagnosestellung. Bei 9–16% kann eine Retinopathie nachgewiesen werden.*
Zusammenhang mit weiteren Folgeerkrankungen
Veränderungen an den Gefäßen durch den Diabetes zeigen sich an den Augen frühzeitig. Die Augen werden deshalb auch als „Fenster ins Gefäßsystem“ bezeichnet. Zusammenhänge haben sich zwischen der diabetischen Retinopathie und weiteren Folgeerkrankungen gezeigt. Bei einer Retinopathie im frühen Verlauf der Diabeteserkrankung besteht ein mehr als auf das Doppelte erhöhte Risiko für Erkrankungen von Herz und Gefäßsystem. Bei ca. 30 % der Typ-1-Diabetiker treten eine Retinopathie und eine diabetische Nierenerkrankung (Nephropathie) gleichzeitig auf. Hier spielt die Blutdruckeinstellung zur Begrenzung von Nieren- und Netzhautschäden eine wichtige Rolle. Beim Typ-2-Diabetes sollten bereits bei erster Erkennung der Retinopathie Blutdruck und Nierenschädigungen berücksichtigt werden (Vgl. Hans-Peter Hammes, Klaus D. Lemmen: „Diabetes und Augenerkrankungen“. In: DiabetesDE: Deutscher Gesundheitsbericht Diabetes 2022; S.98.).So werden die Augen untersucht

- Sehschärfe, um festzustellen, wie gut Sie sehen (ggf. mit Brille)
- Augeninnendruck, um ein Glaukom (Grüner Star) auszuschließen
- Vordere Augenabschnitte mit H ilfe e iner Spaltlampe, um eine Linsentrübung (Cataract) und die Einsprossung neuer, krankhafter Blutgefäße auf die Iris auszuschließen bzw. deren Fortschreiten zu beurteilen.
- Augenhintergrund, um eine diabetische Retinopathie auszuschließen bzw. deren Fortschreiten zu beurteilen. Für die Betrachtung des Augenhintergrundes gibt es verschiedene Methoden. Spezielle Augentropfen erweitern die Pupillen vorübergehend und ermöglichen dem Augenarzt per Augenmikroskop eine freie Sicht auf die Netzhaut, den Sehnerv (Papille) und die anderen anatomischen Strukturen des Augenhintergrundes. Die Untersuchung mit einem Laserscanner kann ohne Pupillenerweiterung durchgeführt werden. Die digitale Aufnahme der Netzhaut ermöglicht eine umfassende Beurteilung des Netzhautzustandes. Liegt bereits eine diabetische Retinopathie vor, kann zusätzlich eine Fluoreszenzangiografie erforderlich sein. Dabei wird – nach Erweiterung der Pupille – ein Farbstoff in eine Armvene injiziert. So lässt sich der Zustand der Gefäße genau beurteilen. Diese Untersuchung gibt oft Aufschluss darüber, ob und mit welcher Intensität das Auge gelasert werden sollte.
So kann behandelt werden
Wenn eine diabetische Retinopathie oder eine Makulopathie festgestellt wird, legt der Augenarzt die weitere Behandlung fest. Ein Fortschreiten der Augenerkrankung soll so verhindert werden. Wird sie früh erkannt, besteht die Chance, dass sie sich durch konsequente Therapie „zurückdrängen“ lässt. Unabhängig von der augenärztlichen Behandlung sind zwei Ziele wichtig:- In Abstimmung mit dem Hausarzt bzw. Diabetologen sollte eine normnahe Blutzuckereinstellung und ein HbA1c-Wert von ca. 7 % angestrebt werden (Vgl. Hans-Peter Hammes, Klaus D. Lemmen: „Diabetes und Augenerkrankungen“. In: DiabetesDE: Deutscher Gesundheitsbericht Diabetes 2022; S. 90-102.)
- Der Blutdruck muss gut eingestellt sein, vor allem wenn gleichzeitig eine Nierenschädigung (diabetische Nephropathie) vorliegt (Vgl. Hans-Peter Hammes, Klaus D. Lemmen: „Diabetes und Augenerkrankungen“. In: DiabetesDE: Deutscher Gesundheitsbericht Diabetes 2022; S. 90-102.).